Mittwoch, 20. Juni 2012

Die drei ??? gehen zur Uni

Im Wintersemster 1997/98 nahm ich an einem Seminar „Ideologievermittlung in Kinderbuch und Hörspiel“ teil. Der Grundgedanke war gut gewählt. Natürlich ist es so, dass Kinderbücher nun einmal von Erwachsenen für Kinder verfasst werden. Der erwachsene Autor ist erheblich reicher an Bildung und Lebenserfahrung und wird daher naturgemäß einen gewissen pädagogischen Impetus haben. Unbewusst -oder vielleicht sogar bewusst- vermittelt er dem Leser auch sein, des Autors eigenes Weltbild. Fasst man diesen Aspekt politisch auf, kommt es zur erwähnten „Ideologievermittlung“.

Da passt nun manches hinein, und es ist sicher im Laufe der Zeit immer mal untersucht worden: Ist Pippi Langstrumpf, die sich allen gesellschaftlichen Regeln erfolgreich entziehen kann und zudem über gewaltige physische Kräfte verfügt, nicht eine zutiefst anarchistische Figur? Wie steht es mit Stefan Wolfs TKKG? Wohlgeratene, zutiefst obrigkeitsgläubige Bürgerkinder. Andererseits: Ist da nicht auch irgendwo das anarchistische Element, wenn das Internat und die behüteten Elternhäuser nächtlich heimlich verlassen werden, um Verdächtige zu observieren und Verbrechen zu verhindern? Ja, was denn nun? Obrigkeitsgläubigkeit oder Anarchie? Man sieht, der Ideologieansatz hat seine Grenzen.

Nun kommt langsam aber sicher der Bogen zu den „Drei ???“. Der Ideologie-Ansatz war brauchbar, aber heute trägt er meines Erachtens nicht mehr. Um den Begriff Ideologie macht die Literaturwissenschaft heute einen großen Bogen, weil er einfach zu schwammig ist, ja, er ist selber schon „ideologisch“. Er geht einfach davon aus, dass ein Autor ein bestimmtes Weltbild vermitteln will -bewusst oder unbewusst- und dass diese Tatsache bedeutsam ist. Ist sie aber nicht! Selbstverständlich bringt ein Autor sein Weltbild in seine Geschichten ein. Völlig klar. Na und? (Dass keine Radikalen zum Zuge kommen, dürfte klar sein.)

Heute ist zudem zumindest in der Unterhaltungsliteratur eine andere Art von Autor am Werk. Diese Autoren sind mitunter langjährige Fans ihrer Serien, der pädagogische Impetus gerät in den Hintergrund und wird durch den Spaßfaktor ersetzt. Ihre Leser behandeln diese Autoren weniger als "Schüler" denn als Gleichgesinnte. Letztlich schreiben die Autoren die Bücher, die sie selber gerne lesen möchten. (Zumal die Jugendbuchreihe „Die drei ???“ auch diverse erwachsene Fans hat. ) Ideologieüberlegungen haben in der Welt der drei archetypischen Teenager kaum Platz. Welche Ideologie wird denn vermittelt? Dass man durch ausgiebiges Lesen genug Bildung anhäuft, um schon in jungen Jahren immer eine sinnvolle Antwort zu finden? Dass hartes sportliches Training viele Vorteile bietet? Oder dass Ordnung und sorgfältiges Nachforschen zu Erfolgen führt? Nur her damit!

Interessanter für die heutige Zeit ist da schon ein anderer Aspekt des damaligen Seminars: Bei den Detektivgeschichten, namentlich den Drei ???, wurde nämlich immer der Ablauf der Detektion abgeklopft: Wer findet wie die Lösung, ist das plausibel, kommen alle beteiligten Hauptfiguren zum Zug und leisten ihren Beitrag? Solche handwerklichen Fragen, Fragen der Plotkonstruktion, Stil und sprachliche Mittel, das sind die Dinge, um die es heute gehen würde. Letztlich auch um eine Art Qualitätsraster für „???“ Jugendbücher, nach dem die Fans immer vergeblich suchen.

Wird fortgesetzt (mit einem Programm für ein fiktives „???“ Uni-Seminar)

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