Montag, 11. August 2014

Gute Geschichten kommen wieder

Geht man heute ins Kino in einem Superheldenfilm, sieht man mitunter Dinge, die man schon vor fünfunddreißig Jahren in Comics gelesen hat. Nur eben in leicht veränderter Form. Das Zauberwort heißt "Reboot". Ich finde jedoch das deutsche Wort "Neustart" schöner.

Irgendwann in den Neunzigern habe ich eine Abhandlung über Superhelden-Comics gelesen. Der Verfasser betonte, dass Superhelden-Comics stets auf die Konfrontation des Helden mit einem Antagonisten (sei es ein Superschurke oder ein anderer Held) ausgerichtet sind. Die Konfrontation zählt, und diese wird auch beworben. Das ist nicht schlimm, das ist halt Fußballturnier (manchmal treten ja ganze Heldenteams gegeneinander an), das ist Wimbledon, das ist Boxweltmeisterschaft. (Lustigerweise gibt es ja einen Comic, in dem Superman unter einer roten Sonne gegen den damaligen Champ Muhammad Ali antritt, ein Vorausscheidungskampf für das Duell gegen einen ca. 2,70 großen muskelbepackten Alien.) Alle Helden wurden diverse Male generalüberholt, dennoch blieben stets grundsätzliche Handlungselemente bestehen, so dass jemand, der vor dreißig Jahren mal DC Comics gelesen hat, seinen Batman oder Superman heute sofort wiederkennen könnte. Wie gesagt, alles ist vergleichsweise simpel: sie kloppen sich halt. Seit vielen Jahrzehnten mit meist denselben Gegnern.

Star Trek: 2009 stellt eine Mischung aus einem Neustart und einer Fortsetzung dar. So etwas war wohl noch nie dagewesen, aber letztlich war ja auch so etwas wie Star Trek selbst vorher noch nie dagewesen. Mit einem simplen Zeitreisetrick verschaffte man sich die Möglichkeit, die alten Helden wieder jung zu präsentieren (kein Glaubwürdigkeitsproblem, sie leben ja ohnehin weit in der Zukunft) und man verschaffte sich ein völlig neues Star Trek Universum als Spielwiese: "Our destinies have changed.". Wunderbar. Was hätte man nun im zweiten Film alles machen können. Nun ja, eben schlichtweg alles. Ein völlig neues Star Trek-Abenteuer. Und was kam? Ein neuer Aufguss von "Wrath of Khan". Schön anzuschauen, unterhaltsam, mit ein paar Überraschungen, aber eben nur ein Aufguss. So etwas macht man bei Superheldencomics. Im neuen ST-Universum existierte Khan zwar auf jeden Fall, er hätte aber auch nach Belieben unentdeckt bleiben können. Irgendwann im 29. oder 30. Jahrhundert hätte man dann die vergammelten Leichen Khans und seiner Leute gefunden, die Energie reicht schließlich nicht ewig. Man wählte aber die Superhelden-Variante: Kirk und Spock kloppen sich wieder. Mit Erzfeind Khan.
Übrigens bringen auch neuere Star Trek Comics moderne Aufgüsse der klassischen TV Episoden. Die Tragweite des Grundsatzes "Our destinies have changed" wurde möglicherweise nicht begriffen, denn Figuren tauchen an genau den Orten auf, an denen sie auch in der klassischen Star Trek Serie aus den Sechzigern auftreten. Es ist wahrscheinlich, dass man sich schlichtweg nicht traut, völlig neue Geschichten und Szenarien zu entwickeln.

Bei Battlestar Galactica musste Anfang der 2000er klar sein, dass man die alte Version mit Pathos, Getöse und Glorifizierung des Militärs sowie eindimensionalen Gegnern an der Schwelle der Lächerlichkeit nicht einfach wiederaufnehmen und fortsetzen konnte. Man wählte den Weg eines Reboots, mit gebrochenen Helden, Infragestellung des Militärs, fragwürdigen Verhaltensweisen und ambivalenten Gegnern, die von der Menschheit abstammen/geschaffen wurden. Das gibt der Serie eine völlig andere Dynamik. Statt eines Krieges mit einem seelenlosen Feind führt man hier eine Art Bruderkrieg, ein Umstand, der sich durch die gesamte Serie zieht, zu diversen Wendungen führt und auch befriedigend aufgelöst wird. Leider ist die Serie "Caprica", welche vielversprechende Ansätze hatte, um auch die Vorgeschichte darzustellen, nach nur einer Season gescheitert.
Was sollen wir halten von einem Mann wie dem Grafen Baltar, der seine ganze Rasse an ein skrupelloses Robotervolk verraten hat, einen Genozid mit verursachte, aber als Witzfigur im Stile einer Louis de Funès Rolle daherkommt? Der Baltar der neuen Version ist ein Genie und ein Nerd, besessen von Sex, gewissermaßen schuldbeladen, extrem egoistisch, aber nicht eigentlich böse. So muss eine moderne TV Serienfigur sein.
"If anyone fights any one of us, he's gotta fight with me!" heißt es im Bonanza-Song. Sprecher ist natürlich Übervater Ben Cartwright. Der Papa wird's schon richten, dieses Prinzip übernahm auch Battlestar Galactica (1978), wo ebenfalls Lorne Greene den Übervater gibt. Natürlich stand auch Ben "Obi-Wan" Kenobi aus Star Wars Pate für diese Figur. Adama macht alles richtig, Adama hat den richtigen Riecher, Adama hat den Zylonen von Anfang an misstraut, als dieser Pazifismus-wütige Präsident noch an einen Friedensschluss geglaubt hat. Das Verhältnis Adamas zu seinem Sohn ist perfekt. Statt "Right or wrong, my country" haben wir hier den Grundsatz "Always right, my father." Wenn der neugewählte Rat der Zwölf Schwierigkeiten macht, wer hat immer von Anfang an Recht? Klar doch. Commander Adama. 
Der neue Adama, gespielt von Miami Vice Veteran Edward James Olmos, besitzt Erfahrung ohne Ende, ist ein militärisches Schlitzohr wie sein Vorgänger, hat oft den richtigen Riecher, und doch: er ist nicht perfekt. Er hat seine Fehler, kann auch mal Dinge falsch machen, bekommt sich mit der Präsidentin in die Haare und sein Sohn opponiert manchmal gegen ihn. Ist das besser als die alte Version? Wer weiß. In jedem Fall ist es interessanter. Was Battlestar Galactica (2003) an juristischen und (rechts)philosophischen Fragen aufwirft, gab es 1978 alles auch schon, das hat eine lange Tradition, die mindestens auf die alten Griechen zurückgeht. Aber damals hätte das niemand in eine Fernsehserie eingebaut. Eine zeitgemäße Neuerfindung.

Bei Perry Rhodan gab und gibt es viele Dinge, die über die Jahrzehnte beibehalten wurden. Jubiläumsbände mit ganz großen Enthüllungen über wer weiß wie große Zeiträume hinweg oder mit der Schaffung von völlig neuen Szenarien, Figuren mit geheimnisvollen Auren und kosmischer Bestimmung, kleine Helden, die über sich hinauswachsen, mächtige Mutanten (bis hin zum "Supermutanten"), Sternendiktatoren und was der Dinge mehr sind.

Nur echt mit den Gelben Zacken: Perry Rhodan 4. Auflage (1980)

Für den Leser gab es aber auch formal eine Konstante: Der Trend geht zum Zweitheft! Wenn wir uns Anfang der Achtziger vor Schul- und vor Geschäftsbeginn vom freundlichen Händler die gerade eingetroffenen Hefte aus den Paketen heraussuchen ließen, proklamierte dieser: "Perry der Erste und Perry der Zweite für Dich, und für Dich wieder Perry der Erste und... was war das? Perry der Vierte, ach so. Bitteschön." Erste und Dritte, Erste und Vierte, später die Fünfte, Atlan sowieso, PR spielt sich seit jeher auf mehreren Ebenen ab. Schon seit 1978 gibt es die Buchausgabe, die später von der Fünften Auflage überholt wurde.

Sammelmappe mit Perry Rhodan Nr. 1 (Faksimile 1988) sowie Perry Rhodan 5. Auflage Band 1-13, Perry Rhodan Buch Nr. 1 (Jubiläumsausgabe 1986), Perry Rhodan NEO Band 1

Als ich Ende der Neunziger mal meinen PR samt Atlan Traversan in Hannover im Bahnhofsbuchhandel erwarb, damals wegen der umfangreichen EXPO- Umbauten des Hbf. im Container vor dem Gebäude, war vor mir ein Mann, der die gleichen Hefte erwarb. Die Kassiererin: "Das ist ja das Gleiche!?". Das konnte sie kaum fassen.Das gleiche Heft, ja, aber die gleiche Kombination von Heften? Heute ist daraus im Internethandel eine Werbestrategie geworden: "Wird oft zusammen gekauft:...".
Die Nachauflagen wurden nach und nach Geschichte (weil eben nicht mehr alle fünf Jahre eine neue zahlenstarke Lesergeneration auftrat), Atlan Traversan und andere Kurzzyklen waren nicht besonders langlebige, wenngleich zeitweise erfolgreiche Experimente. (Diese werden ja gerade als e-books aufgelegt.)
Nach wie vor aber hat der Fan (welcher die alten Romane längst kennt bzw. zwischenzeitlich auch als e-books jederzeit zu beliebigen Zeitpunkten erwerben kann) Bock auf einen weiteren PR. Wenn nicht allwöchentlich, so doch alle zwei Wochen. Ein Konzept, das dem Rechnung tragen sollte, war PR Action. Neue Romane in alter PR-Zeit. Großadministrator inbegriffen. Der Ableger brachte es auf sechsunddreißig Bände und ist daher kaum als völlig erfolglos anzusehen. Aber er ist nur ein Vorläufer der eigentlichen Innovation. Zum 50jährigen Jubiläum traute man sich, einen echten Reboot zu bringen: Perry Rhodan NEO. Das genannte Prinzip "Der Trend geht zum Zweitheft." funktioniert hier in beide Richtungen: Der Altleser greift neugierig auch zum NEO, der über NEO eingestiegene Jungleser entwickelt irgendwann Neugier auf den klassischen Perry. Momentan ist mit PR Stardust noch das Drittheft auf dem Markt, und die PR Serie ist mit Printversion, e-books und Hörbüchern zeitgemäß und gut aufgestellt.

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